Ist ja toll. Da macht die Deutsche
Angestellten Krankenkasse (DAK) eine Umfrage bei Erwachsenen zum
Thema Alkohol. Und was kommt dabei heraus: In unserer Republik ist
natürlich alles in bester Ordnung. Eltern sorgen sich um ihre
Kinder, wollen gutes Vorbild sein und überhaupt – eigentlich
ist alles doch gar nicht so schlimm. Nur die böse Presse
schreibt mal wieder alles kaputt.
Die Ergebnisse der Studie, die die DAK
als Gesundheitsbarometer veröffentlicht, verspricht eitel
Sonnenschein. 76 Prozent der Eltern sagen, dass sie als
Erwachsener beim Thema Alkohol mit gutem Beispiel voran gehen und
68 Prozent sagen, dass sie in der Familie über das Thema
Alkohol sprechen und klare Regeln dazu haben.
51 Prozent – besonders die
älteren Befragten – haben keine Befürchtungen beim Thema
Alkohol, da sie wissen, was ihr Kind in seiner Freizeit macht und wie
viel es trinkt. 47 Prozent meinen, dass Jugendliche ihre eigenen
Erfahrungen – auch mit Alkohol – machen sollten. 42 Prozent
sind der Ansicht, dass es zum Jugendalter dazu gehört, mal
betrunken zu sein.
22 Prozent der Eltern machen sich
immerhin Sorgen darüber, dass ihr Kind zu viel Alkohol trinken
könnte. 15 Prozent meinen, dass das Thema von der Presse
dramatisiert wird und mit der Realität wenig zu tun hat.
11 Prozent geben an, dass ihr Kind schon einmal betrunken war.
So ganz scheint die Kasse ihren eigenen
Ergebnissen aber nicht zu trauen. Immerhin überschreibt sie ihre
Pressemeldung mit dem Titel „Generation Vollrausch: Vertrauen ist
gut, Kontrolle ist besser?“. Und dass die Studie vielleicht die
Falschen gefragt oder die Antworten – sagen wir mal vorsichtig –
geschönt sind, geht den Kassenmanagern anscheinend dann doch
noch auf. So wird deren Diplom-Pädagoge und Suchtexperte, Ralf
Kremer, mit den Worten zitiert: „Denn fast ein Drittel der Eltern
spricht das Thema Alkohol zu Hause gar nicht an. Das sind einfach zu
viele. Da Alkohol in unserer Gesellschaft akzeptiert ist und auch auf
Familienfeiern und Festen meistens dazugehört müssen
Jugendliche einen verantwortungsvollen Umgang mit ihm lernen.“
Aber nicht nur die. Immerhin gehört
Kremer anscheinend zu denen, die bei dem Thema schon einmal hin- und
nicht erschreckt oder angeekelt weggeschaut haben. Denn nur wenn man
die rosarote Brille überstülpt, dürfte es einem
gelingen, an die heile Welt-Geschichte zu glauben.
Dem Suchtexperten ist aufgegangen, dass
Kinder „meist ohne Wissen der Eltern“ trinken. Wirklich? Ja, das
kann man sogar belegen. Auch dafür hat die DAK eine Studie
anfertigen lassen: 18,3 Prozent der Kinder – im Durchschnitt
13 Jahre alt – gaben an, schon einmal betrunken gewesen zu
sein. Bei den 14- bis 16-Jährigen ist die Zahl noch
dramatischer. Mehr als jeder Zweite von ihnen hat schon einmal
heimlich getrunken (55,8 Prozent), 43 Prozent waren schon
einmal betrunken.
Shocking diese Zahlen – oder? Wie
kommt es, dass sich das, was Kremer dann sagt leicht pastoral anhört?
„Eltern müssen sich klar machen, dass sie vielleicht weit
weniger über ihr Kind in puncto Alkohol wissen, als sie glauben.
Sie dürfen deshalb nicht die Augen verschließen, sondern
sollten in der Lage sein, Anzeichen richtig zu deuten, die auf einen
Alkoholkonsum schließen lassen.“
Jetzt sind wir wirklich baff. Wer hätte
damit gerechnet? Aber – liebe Eltern und vielleicht auch
Jugendliche, falls Euch das interessiert – Herr Kremer weiß
Rat: „Eltern sollten Regeln für das Trinkverhalten der
Jugendlichen aufstellen und kontrollieren und sich auch ihrer
Vorbildfunktion bewusst sein.“
Genau. Jetzt wissen wir es endlich. Der
erhobene Zeigefinger gilt uns allen, schreiben Sie sich das
gefälligst hinter die Ohren.
Christian Sachse 04.06.08